lyrik
von christine frischmuth
flüchtiges zertifikat
es ist, als wären die vögel schon nach süden
gezogen, wohin sie ein stück himmel mitnehmen
zerbrechliche zentimeter in der luft
die verbogenen kabel unter der zimmerdecke
eine glühbirne, das bett vor der
weißen wand, die schatten jetzt größer
es gibt nichts, was jemals ganz verschwindet
der stuhl mit den kleidern von letzter woche
der holzschrank, das schweigen empfangen
von der kommode mit dem jesusbild blättert
die krone auf den boden, als sei sie ein
flüchtiges zertifikat für deine zerkratzen arme
vielleicht solltest du dich hinlegen in das
wässrige grau der hundert gesichter,
eine maske wäre dann deine, ein leben lang?
die letzten schreie der durchzügler im
konturlosen raum die rosen geschnitten
riechst du dein blut und ziehst den vorhang zu
worauf hast du gewartet?
du bist morgen längst nicht mehr hier
es wird dauern: komm nach haus.
© frischmuth christine, juni 2025